Was machst Du denn so auf Sansibar?

Könnte Havanna sein –  die vergesellschaftete Wohnung in Stone Town (Foto oben) zeigt exakt dieselben Verfallsfalten, aber auch die unermüdlichen, meist weiblichen Versuche, dem Zerfall etwas Schönes entgegen zu setzen. Das afrikanische Phänomen des Alles-ist-immer-kaputt  – es bestimmt auch mein Leben hier.

Was machst Du eigentlich so den ganzen Tag auf Sansibar? Kaum eine Frage bringt mich daher so auf Trab wie diese.

Im Buch schreibt Ahmed dazu – es geht um die Nacht, in der wir uns kennen lernen:

Andrea kam direkt vom Flughafen, sagte sie. Und man sah es ihr auch an: da fühlen sich die Frauen nämlich noch anders an, haben diese europäische, unerschöpfte Ausstrahlung. Wenn sie eine Zeit lang in Afrika sind, werden sie zwar entspannter, aber auch müder. Die Hitze, der ewige Existenzkampf. Das macht jeden unterhalb der Millionärsgrenze mürbe.

Und ich sage:

In Afrika gibt es immer viel zu tun. Manchmal fragen Freunde, Bekannte – Unwissende!!! –, was machst du denn da den ganzen Tag so? Klar, Sansibar hört sich erst mal wie Urlaub an: am Strand faulenzen, in Altstadtlädchen afrikanische Souvenirs shoppen, und ab und zu vielleicht schön essen gehen. Auf dem Niveau können aber nur Urlauber existieren. Ist man längerfristig hier und versucht zu arbeiten, eine eigene Wohnung zu unterhalten, auch mal selbst zu kochen, vergeht ein Gutteil des Tages in Afrika – überall in Afrika – damit, auf ein halbwegs funktionierendes Existenzminimum zu gelangen. Und dieses zu halten. Der Kampf ums tägliche Überleben, das afrikanische Phänomen des Alles-ist-immer-kaputt fordert jedem verdammt viel Zeit und Nerven ab. Man darf sich davon nur nicht fertigmachen lassen, denn dann wird  man bitter. Und was soll man dann bitte in Afrika?

Um aber jetzt mal auf 2015 zu springen  – in den drei Wochen seit Jahresanfang gab’s bei uns zum Beispiel folgendes:

  1.  Nach Silvester an der Küste im wunderbaren Kaefunk (siehe Eintrag vom 18. Januar) und durchfeierter Nacht in der Beachbar Upendo Rückfahrt per Auto nach Stone Town
  2. Ahmed und ich geraten mal wieder in eine Polizeikontrolle (fast wie auf dem Gemälde unten von Michael Soi, dem jungen Star-Maler aus Nairobi). Doch all unsere Papiere sind diesmal makellos – im Buch dagegen beschreiben wir durchaus auch andere Erfahrungen…
  3. Relaxen im Cinamon Spa mit Malu, einer Freundin, die im Kongo eine Goldmine managt und Zanzibar wie so manche Expats als Entspannungs-Oase nutzt
  4. Hausbesichtigungen in Stone Town (wir suchen was semi-permanentes)
  5. Zeitungsaufträge abarbeiten – also:
  6. Flug von Zanzibar nach Moshi in einem Zehnsitzer von Coastal Aviation, bei dem ich als einzige Passagierin in Moshi aussteige. 3 junge Leute verließen den Flieger in Saadani an der Küste, für einen weiterern Mitpassagier ging’s per Flugzeug-Hopping weiter nach Arusha. Der Pilot der Airline, die in Afrika Buschfliegerei mit festen Schedule betreibt – ein neues Konzept – stammte aus Spanien
  7. Stippvisite bei einer befreundeten Galeristin, die am Fuße des Kilimandjaro einen Skulpturenpark mit Bildhauerei aus Zimbabwe unterhält
  8. Wandern am Kili“ für die Westdeutsche Zeitung mit dem genialen Guiness-Weltrekordhalter und Marathoncrack Simon Mtuyi (dazu demnächst mehr)
  9. Per Taxi durch Afrika“ für die Süddeutsche Zeitung, dafür Überland von Moshi am Kilimandjaro über den Grenzposten Namanga nach Nairobi, in meine alte Heimat, Fahrzeit ca 6 Stunden (wobei sich heraus stellt, dass die Taxen inwzischen von kleinen Minibus-Shuttles abgelöst wurden, also die Frage aufkommt, ob sich das Thema überhaupt halten lässt)
  10. Besuch des Ortes, wo sich 2003 der tragische Westgate-Terroranschlags in Nairobi ereignete, bei dem mindestens 67 Menschen ums Leben kamen. Das Einkaufszentrum wurde nach dem Terrorakt einfach zugemauert, eine schreckliche Aura liegt über dem Platz
  11. Erkundigungen in Nairobi, der boomenden Hauptstadt Kenyas, das sich politisch zwar in einem Loch befindet, aber wirtschaftlich gut dasteht. Im Office Park spielt eine Oldie-Band live Rumba wie in Kuba – what a night!
  12. Auf Sansibar derweil Umzug in eine neue Wohnung, die ich mir wieder mit Malu, meiner Flatmate aus dem letzten Jahr, teilen werde. Ein richtiges Queen-Bee-Loft im 5. Stock über der Stadt, auch dazu später mehr
  13. Ahmed, der Gute, macht den Umzug in meiner Abwesenheit
  14. Rückkehr nach Sansibar aus Nairobi: Internet verlängern (halber Tag), Zantel-Flatrate fürs Handy erneuern, neue Wohnung einrichten (ein Tag) – ein Traum!
  15. Stromausfall! Handwerker mobilisieren; an der Kasse der E-Werke  am anderen Ende der Stadt Stromguthaben erstehen
  16. Kein Wasser!!! Handwerker anrufen, der anderen Handwerker vorbei schickt, um die Pumpe zu überprüfen
  17. Recherchen für ein Afrika-Special im Auftrag des Lufthansa-Magazins
  18. Bereits recherchierte Geschichten schreiben, schreiben, schreiben: „Usedom im Winter“, „Kommt der Fußball nach Doha oder nicht?“
  19. Ahmed bastelt derweil Möbel mit seiner neuen Firma Zanzibar Home Style
  20. Geschäftskorrespondenz: E-mails beantworten, schreiben, organisieren – täglich ca 4 Stunden
  21. Dem Imam lauschen, der von den Moscheen der Nachbarschaft ruft, und kurz innehalten: fünfmal am Tag
  22. Mich freuen, dass ich auf Sansibar sein kann: 24 Stunden täglich!

So also sieht mein Alltag in Afrika aus.

Ich bin dankbar, dass mein Beruf es mir ermöglicht, so ziemlich überall zu leben; und inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich, von äußeren Parametern mal abgesehen, auch überall gleich lebe. Ich denke, esse, putze, arbeite, liebe, mach mich chic und gehe aus. Ich denke an meine Kinder und mein Enkelchen – und bin happy. Hier auf Zanzibar ganz besonders… weil’s hier keine griesgrämigen Gesichter gibt.

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Website Comments

  1. Claudia Dunjamama aus Hamburg
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    Andrea, du machst das gaaaanz gaaaanz fantastisch. Ich bin begeistert. Liebe & arbeite weiter! Freu mich, dich im grauen Hamburg wiederzusehen. Lieben Gruß, Claudi

    • andtapper

      Vielen Dank, liebe Claudia. Ob Du’s glaubst oder nicht: Hier war der Himmel auch für eine Woche grau – climate change, sagen alle. Der Unterschied zu uns im hohen Norden: Die Sansibari freuen sich, wenn die Sonne mal nicht brennt.

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